Runde Ecken sind heute fast überall Standard: bei Buttons, Cards, Modals, Tabellenköpfen, Badges und Tooltips. Gerade weil sie so verbreitet sind, sehen viele Interfaces inzwischen sehr ähnlich aus.
Wir stellen webconsulting.at auf eckige Kanten um. Die Gründe sind gestalterisch wie technisch: mehr nutzbare Fläche in kompakten Komponenten, eine einheitliche Geometrie und weniger CSS-Sonderregeln. Diese Entscheidung gilt für unsere eigene Website und unsere Tools. Sie ist keine allgemeine Empfehlung gegen Rundungen.
Dieser Artikel ist kein grundsätzliches Urteil über runde Ecken. Er dokumentiert, welchen Standard wir für webconsulting.at gewählt haben und was das gestalterisch und technisch bedeutet. Für Projekte mit anderen Anforderungen bleibt der Radius in unserem Template-System Desiderio einstellbar – mehr dazu am Ende des Artikels.
Inhaltsverzeichnis
Warum jetzt?
Warum runde Ecken überall sind und was ein konsistentes Designsystem braucht.
Trade-offs in der Praxis
Was Rundungen bei Platz, Positionierung und CSS-Kaskaden bedeuten.
Gestalterische Anforderungen
Was ein eckiges Interface von Typografie, Abständen, Kontrast und Hierarchie verlangt.
Umsetzung
Tokens auf 0, globale Override-Schicht, klare Defaults.
Desiderio
Warum unser Template-System den Radius als Einstellung behält – wie shadcn/ui.
Fazit
Ein fester Standard für unsere Website, eine offene Option für Desiderio-Projekte.
Warum jetzt?
Mit mobilen Benutzeroberflächen und Soft UI haben sich runde Ecken in vielen Designsystemen etabliert. Frameworks und Komponentenbibliotheken liefern sie als Voreinstellung für Buttons, Eingabefelder und Panels mit. Wer nichts anderes festlegt, bekommt Rundungen in praktisch allen Komponenten.
Damit ist die Rundung als gestalterisches Signal weniger aussagekräftig als früher. Ein Interface mit Standardrundungen zeigt vor allem, welche Voreinstellungen ein Projekt übernommen hat.
Für webconsulting.at wollen wir die Formensprache bewusst festlegen. Eckige Kanten unterstützen ein klares Raster; die visuelle Hierarchie entsteht über Typografie, Kontrast und Abstände.
Border-Radius ist bei uns keine Voreinstellung mehr. Buttons, Cards, Tabellen, Diagrammrahmen und die Tools-Oberfläche haben eckige Kanten. Abweichungen definieren wir ausdrücklich.
Was Rundungen in der Praxis bedeuten
Runde Ecken betreffen nicht nur die Optik. Sie machen sich auch in der technischen Pflege von Komponenten bemerkbar. Vier Punkte haben bei unserer Entscheidung den Ausschlag gegeben.
1. Platzverlust an den Kanten
Jeder Radius nimmt an den Ecken nutzbare Fläche weg. In kompakten Komponenten wie Toolbars, Badges, Tabellenköpfen oder Icon-Buttons müssen Inhalte deshalb weiter nach innen rücken. Ein eckiger Container bietet dagegen die volle rechteckige Fläche.
Runde Ecken erzeugen Sperrflächen, eckige Container nutzen die gesamte Breite.
2. Icons in der Rundung
Sitzt ein Icon, ein Statuspunkt oder ein Bedienelement nahe an einer runden Ecke, wirkt es schnell angeschnitten. Dann braucht es zusätzlichen Innenabstand, absolute Positionierung oder eigene Positionierungsbereiche. Bei eckigen Kanten fällt dieser Aufwand weitgehend weg, weil die Geometrie orthogonal und vorhersehbar bleibt.
In der Rundung brauchen Icons zusätzliche Abstände. An eckigen Kanten folgen sie einem klaren Raster.
3. Ungewollte Radius-Kaskaden
CSS und Utility-Klassen geben Radien gern über mehrere Ebenen weiter. Schon ein rounded-* auf einem übergeordneten Element, ein Theme-Token auf --radius oder eine Komponenten-Voreinstellung auf th erzeugt Rundungen an Stellen, an denen sie gar nicht vorgesehen waren.
Ein typisches Beispiel sind Tabellenköpfe, die auf beiden Seiten gerundet sind. Wo benachbarte Kurven aufeinandertreffen, entstehen Doppelbögen, die nicht ins Raster passen. Solche Stellen muss man einzeln nachkorrigieren, und das macht die Wartung aufwendiger.
Ein zentraler Radius wandert durch mehrere Ebenen, erzeugt Doppel-Rundungen und muss am Ende von Hand nachkorrigiert werden.
4. Inkonsistenz über Systemgrenzen
Design-Tokens, Tailwind-Utilities, Komponentenbibliotheken und eingebettete Diagramme bringen oft jeweils eigene Radius-Werte mit. Dann stehen unterschiedlich starke Rundungen nebeneinander, und die Oberfläche verliert ihre einheitliche Formensprache.
Ein einheitlicher Wert löst dieses Problem unabhängig davon, wie er lautet. Wir haben uns für 0 entschieden, weil Radius 0 allen Systemen dieselbe eindeutige Ausgangsbasis gibt und keine Abstufungen kennt.
Unterschiedliche Radius-Werte brechen das gemeinsame Raster. Ein einheitlicher Wert schafft eine gemeinsame Ausgangsbasis.
Gestalterische Anforderungen
Ein eckiges Interface verzeiht weniger. Typografie, Abstände, Kontrast und Hierarchie müssen präzise sitzen.
Runde Ecken können kleine Unstimmigkeiten bei Abständen oder in der visuellen Hierarchie optisch abmildern. Fällt die Rundung weg, sieht man enge Abstände, uneinheitliche Innenabstände und eine unklare Hierarchie deutlich schneller. Das ist ein echter Vorteil von Rundungen, den man bei der Entscheidung einrechnen muss.
Deshalb überarbeiten wir im Zuge der Umstellung auch diese Grundlagen. Die visuelle Qualität der Oberfläche muss aus Inhalt, Raster und Typografie kommen.
| Feature | Rounded Corners | Eckige Kanten |
|---|---|---|
| Erster Eindruck | Vertraute, weiche Formensprache | Klare, rasterorientierte Formensprache |
| Platz in engen UI-Zellen | Radius reduziert die nutzbare Fläche | Vollständige rechteckige Fläche bleibt nutzbar |
| Icons nahe der Ecke | Brauchen oft zusätzlichen Innenabstand | Orthogonale Geometrie, kaum Sonderregeln |
| CSS-/Token-Verhalten | Kaskaden und Doppelrundungen möglich | Vorhersehbare Voreinstellung mit Radius 0 |
| Wartung | Zusätzliche Regeln für einzelne Radien | Weniger Sonderfälle im Designsystem |
| Gestalterische Anforderungen | Können uneinheitliche Abstände optisch kaschieren | Verlangen konsistente Typografie und Abstände |
Eckige Kanten vereinheitlichen die Geometrie. Im Gegenzug müssen Abstände, Typografie und visuelle Hierarchie umso konsistenter sein.
Umsetzung auf webconsulting.at
Unser Standard für diese Website ist eindeutig: Radius 0 im gesamten Designsystem.
Konkret heißt das:
- Wir setzen die Design-Tokens (
--radius*und verwandte Variablen) auf0. - Eine nachgelagerte CSS-Schicht erzwingt scharfe Kanten auch dort, wo Utilities oder Komponenten noch
rounded-*mitbringen. - Diagramm- und Chart-Chrome (unter anderem Mermaid-Knoten) folgen derselben Regel.
- Neue Komponenten starten standardmäßig mit Radius 0. Abweichungen definieren wir ausdrücklich.
:root {
--radius: 0;
--radius-sm: 0;
--radius-md: 0;
--radius-lg: 0;
/* … weitere Radius-Tokens auf 0 … */
}
*,
*::before,
*::after {
border-radius: 0;
}Wichtig ist, die Regel systemweit anzuwenden. Bleiben einzelne Bereiche bei anderen Radius-Werten, entsteht wieder ein uneinheitliches Bild.
Desiderio: Der Radius bleibt einstellbar
Radius 0 ist eine Entscheidung für unsere eigene Website. Unser kommendes TYPO3-Template-System Desiderio trifft diese Entscheidung bewusst nicht für seine Nutzer: Dort bleibt der Radius eine ganz normale Theme-Einstellung.
Das Vorbild dafür ist shadcn/ui, die Komponentenbibliothek von shadcn. In deren Theme-Editor auf ui.shadcn.com/create ist der Radius ein Wert wie jeder andere, mit den Optionen Default, None, Small, Medium und Large. Wer ein Theme zusammenstellt, entscheidet selbst, wie stark die Rundung ausfällt. In der Frontend-Community gibt es dazu den halb ernst gemeinten Satz „shadcn is always right“. An dieser Stelle stimmen wir zu: Ein Template-System, das viele verschiedene Sites bedienen soll, darf eine gestalterische Grundsatzfrage nicht für alle Projekte gleich beantworten. Deshalb haben wir die Option in Desiderio belassen.
Desiderio übernimmt das Modell des shadcn-Theme-Editors als Site-Einstellung: None, Small, Medium, Large und zusätzlich Full. Ohne eigene Festlegung gilt der Radius des gewählten shadcn-Presets. Technisch schreibt Desiderio die Einstellung als data-radius-Attribut auf das body-Element; eine CSS-Variable verteilt den Wert an alle Komponenten. Ein Wechsel wirkt sofort auf die ganze Site, ohne Build-Schritt und ohne Deployment.
body[data-radius="none"] { --radius: 0rem; }
body[data-radius="sm"] { --radius: 0.375rem; }
body[data-radius="md"] { --radius: 0.625rem; }
body[data-radius="lg"] { --radius: 0.75rem; }
body[data-radius="full"] { --radius: 1rem; }Die folgenden Screenshots zeigen dasselbe Desiderio-Element mit drei verschiedenen Radius-Werten. Cards, Badges und Buttons folgen jeweils demselben Token:
Radius „None“: Cards, Badges und Buttons vollständig eckig – dieselbe Einstellung, die webconsulting.at nutzt.
Radius „Medium“: die moderate Rundung, wie sie viele shadcn-Presets als Standard verwenden.
Radius „Full“: die stärkste Stufe – Cards deutlich gerundet, Badges werden zu Pills.
Damit sind beide Wege abgedeckt: webconsulting.at nutzt konsequent Radius 0, und Desiderio-Projekte wählen den Wert, der zu ihrer Marke passt. Mehr zum Template-System steht im Artikel über Desiderio.
Fazit
Runde Ecken sind weiterhin ein brauchbarer Standard. Die meisten Komponentenbibliotheken unterstützen sie gut, und viele Nutzer erwarten sie. Für webconsulting.at haben wir uns trotzdem für Radius 0 entschieden:
- Viele Websites sehen durch dieselben Standardrundungen ähnlich aus.
- In kleinen UI-Elementen bleibt weniger Platz für Inhalte.
- Icons und Bedienelemente brauchen oft zusätzliche Abstände oder Sonderpositionierungen.
- CSS-Regeln können Radien ungewollt an untergeordnete Elemente weitergeben.
Eckige Kanten allein machen ein Interface noch nicht gut. Klare Typografie, saubere Raster, einheitliche Abstände und ausreichender Kontrast werden dadurch sogar wichtiger. Auf diese Grundlagen konzentrieren wir uns bei der Weiterentwicklung unseres Designsystems.
Auf webconsulting.at ist Radius 0 damit der verbindliche Standard, und Ausnahmen brauchen einen Grund. In Desiderio-Projekten bleibt die Wahl dagegen offen: Der Radius ist dort eine Einstellung, kein Dogma.
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