1998 reichte ich meine Diplomarbeit über Usability ein. Zwei Jahre später erschien daraus das Buch „Usability – Grundlagen, Beispiele, Trends“. Mehr als ein Vierteljahrhundert danach habe ich die erhaltenen Word- und PDF-Dateien wieder geöffnet – mit historischen Schriftarten, alten Web-Adressen und einer erstaunlich vertrauten Grundfrage: Warum müssen sich Menschen an schlechte Technik anpassen, wenn Technik für Menschen entwickelt werden kann?
Eine frühe Arbeit über Web-Usability
Das Buch verbindet drei Ebenen: Grundlagen des Usability Engineering, praktische Arbeit am RIPE NCC in Amsterdam und einen breiten Blick auf technische Entwicklungen. Für eine deutschsprachige Arbeit aus der frühen Webzeit ist diese Kombination durchaus ambitioniert. Besonders gut gealtert ist der praktische Gedanke: Eine Oberfläche ist nicht deshalb verständlich, weil ihr Entwicklungsteam sie logisch findet. Entscheidend ist, ob die vorgesehene Zielgruppe ihre Aufgabe damit erledigen kann.
Die Projektkapitel dokumentieren Statistik- und Qualitätswerkzeuge für die RIPE-Datenbank. Eingaben wurden geordnet, Rückmeldungen verständlicher gemacht und Darstellungen schrittweise vereinfacht. Damit behandelte die Arbeit Gestaltung bereits als überprüfbaren Entwicklungsprozess – nicht nur als Frage des Geschmacks.
Was nicht unverändert wiederveröffentlicht wird
Bei der Prüfung wurde deutlich, dass die historische Fassung längere Passagen aus c’t, iX und Telepolis enthält. Die Quellen stehen im Literaturverzeichnis, doch eine Quellenangabe allein erlaubt keine neue vollständige Online-Veröffentlichung. Hinzu kommen fremde Abbildungen, ein extern verfasstes Vorwort, eine private Nachricht und ein Cover eines anderen Gestalters.
Deshalb stelle ich das ursprüngliche Buch derzeit nicht als PDF oder vollständige HTML-Ausgabe ins Netz. Auch das historische Cover wird vorerst nicht gezeigt. Stattdessen ist ein neuer Text entstanden, der die eigenen Themen und Erfahrungen zusammenfasst, problematische Passagen nicht übernimmt und den historischen Status offenlegt.
Die neue Publikationsseite enthält einen eigenständig formulierten historischen Essay, Angaben zur geprüften Quellenlage und einen klar begrenzten Lizenzhinweis. PDF und Word-Datei beziehen sich ausschließlich auf diesen neuen Text.
Was geblieben ist
Einige Kerngedanken wirken heute selbstverständlich: Zielgruppen verstehen, früh testen, Fehler nicht den Nutzenden zuschieben, Informationsarchitektur vor Dekoration stellen und Systeme iterativ verbessern. Diese Prinzipien prägen bereits die Arbeit von 1998.
Auch der Ausblick ist als Zeitdokument interessant. Körpernahe Computer, erweiterte Realität, automatisierte Erkennung und die Konkurrenz um Aufmerksamkeit werden gemeinsam betrachtet. Die damaligen Geräte und Prognosen sind überholt; die Fragen dahinter begleiten digitale Produkte weiterhin.
Der neue Rückblick lobt das Buch deshalb nicht als aktuelle Fachanleitung. Er zeigt, was an einer frühen Arbeit bemerkenswert war, welche Teile historisch geworden sind und warum eine sorgfältige Neuveröffentlichung auch bedeutet, Grenzen zu ziehen.
Den eigenständig verfassten historischen Rückblick lesen und herunterladen
Weitergedacht: Welche Prognosen haben gestimmt?
Der historische Rückblick ist der Ausgangspunkt. Im zweiten Artikel prüfe ich die damaligen Zukunftsthemen anhand aktueller Primärquellen: Was wurde Alltag, was blieb Forschung – und wo entstand ein ganz anderes Problem als erwartet?